Mehr Respekt für Fellnasen, oder zumindest mehr Lachs
»Hast du dir schon überlegt, wie du mir heute angemessen Respekt zollen wirst?«
Yuki blinzelte und schloss die Augen gleich wieder, als sie sah, dass Kater Sasuke sein Gesicht so nah an ihres reckte, dass sie ihn nur ziemlich unscharf erkennen konnte. Anstatt zu antworten, rutschte sie tiefer unter die Decke und tat so, als hätte sie nichts gehört. Auch wenn sie wusste, dass ihr das nicht viel bringen würde.
Und wirklich: Sasuke, der zuvor neben ihr gesessen hatte, stieg auf ihren Brustkorb und stupste ihre Wange mit seiner Nase an. »Ich weiß genau, dass du wach bist. Also hast du mich auch gehört.«
Yuki seufzte, blinzelte erneut und sah den Kater aus halb zusammengekniffenen Augen an. »Was soll ich mir für heute überlegt haben? Und wieso?«
Sasuke legte den Kopf schief. »Willst du mir etwa sagen, dass du es vergessen hast?«
Yuki runzelte die Stirn und überlegte. Sie war ziemlich sicher, dass sie dem Kater für diesen Tag nichts versprochen hatte. Und sie konnte sich auch weder an einen gemeinsamen Termin für eine Unternehmung noch an zugesagte besondere Häppchen erinnern. »Was genau meinst du mit dem angemessenen Respekt?«, fragte sie schließlich. »Bekommst du den nicht sowieso tagtäglich?«
Sasuke bedachte sie mit einem miesgelaunten Blick. »Du hast es vergessen«, stellte er fest und klang dabei so vorwurfsvoll und enttäuscht zugleich, als hätte sie ihn mindestens eine Woche lang ignoriert, es gewagt, ihm Dosenfutter vorzusetzen, ihn mehrere Tage lang nicht auf den Balkon gelassen, versucht, ihn mit einem Katzenkostüm auszustaffieren, und wäre ohnehin die schlechteste Person, der er erlaubte, sich um ihn zu kümmern.
Yuki seufzte. »Okay, ich versuche es noch einmal: Was ist heute? Und was soll ich vergessen haben?«
»Heute ist ›Respektiere deine Fellnase‹-Tag«, erwiderte Sasuke mit der größten Selbstverständlichkeit.
Yuki schüttelte den Kopf und schaffte es nur mühsam, nicht die Augen zu verdrehen. »Und was unterscheidet das von jedem anderen Tag?«
»Mehr Respekt, natürlich. Und vielleicht möchtest du mich heute besonders verwöhnen.« Der Kater sah Yuki noch einmal eindringlich an und begann dann, seine Ohren und sein Gesicht zu putzen.
Yuki sah ihm amüsiert dabei zu. »Mehr Respekt, sagst du. Hm. Was hätte der Herr Kater denn gerne zum Frühstück?«
Betont langsam hielt Sasuke inne. »Zum Frühstück …«, begann er bedächtig, »… hätte ich gerne Lachs. Aber den hast du vermutlich nicht da, weil du nicht an diesen Tag gedacht hast.« Der Kater machte ein Geräusch, das wohl als Schnaufen gemeint war, und sah Yuki an.
Die biss sich gedanklich auf die Zunge, um nichts zu erwidern, was sie später bereuen würde, und schaffte es, eine halbwegs neutrale Miene zu bewahren. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. »Lachs habe ich tatsächlich nicht im Angebot. Aber wie wäre es, wenn wir später welchen besorgen? Vielleicht nach einem kleinen Frühlingsspaziergang in der Mittagspause?«
Sasuke verengte die Augen und sah Yuki skeptisch an. »Wieso lenkst du so schnell ein? Und wie kommst du auf einen Frühlingsspaziergang? Du verbringst deine freie Zeit doch für gewöhnlich lieber drinnen …«
Yuki lächelte. »Im Winter – definitiv. Wenn es im Herbst feucht und ungemütlich ist – ebenfalls. Aber wenn es Frühling schon etwas wärmer ist, alles langsam grün wird und einige Frühblüher bunte Tupfer einstreuen … dann bin ich gerne draußen.« Sie streckte sich und gähnte. »Und was das Einlenken betrifft: Du weißt, dass ich dir ganz sicher nicht jeden Tag frischen Lachs servieren kann, aber hin und wieder verwöhne ich dich schon ganz gern.« Yuki strich dem Kater sanft über den Kopf und kraulte ihn dann unter dem Kinn.
Sasuke schmiegte sich an ihre Hand und kniff genießerisch die Augen zusammen.
Einige Minuten später, mit Blick auf die Uhr neben ihrem Bett, schob Yuki den Kater sanft von sich herunter. »Wenn ich jetzt nicht aufstehe, wird das später nichts mit der Mittagspause«, erklärte sie eilig, als Sasuke Einwände erheben wollte. »Und du möchtest doch deinen Lachs und den Spaziergang haben, oder?«
In Sekundenschnelle war der Kater ihr aus dem Weg gehopst, sodass sie aufstehen konnte. Den in Aussicht gestellten fischigen Leckerbissen wollte er sich – natürlich – nicht entgegen lassen.

Diese Geschichte ist ein Spin-off zu meinem Roman »Der Kater unterm Korallenbaum« und greift zudem den Respektiere-deine-Katze-Tag (Respect Your Cat Day) auf, der immer am 28. März begangen wird.
Außerdem ist dieser Text Teil der Frühlings/Oster-Ausgabe des Autoren-Adventskalenders. Dort versteckt sich hinter jedem Türchen ein Beitrag von einem*r anderen Autor*in rund um die Themen Frühling und Ostern. Zusätzlich zu dem Kalender von diesem Jahr könnt ihr auch in den Geschichten, Gedichten und sonstigen Texten der Vorjahre stöbern.