Spaziergang im Schneegestöber
Thea trat zu Maria ans Fenster und legte die Arme um ihre Liebste. »Was hältst du von einem Schneespaziergang?«
Maria schmiegte sich an sie. »Draußen in der Eiseskälte? Im Dunkeln? Durch den Schneematsch?«
Thea lachte. »Gegen die Kälte gibt es warme Kleidung. Mit den ganzen Straßenlaternen ist es nicht wirklich dunkel. Und ich habe gehört, dass Stiefel gegen Schneematsch helfen könnten.« Sie strich Maria eine graue Strähne hinters Ohr und wisperte: »Aber solltest du dich zu alt fühlen für einen romantischen Spaziergang oder ein bisschen Spaß im Schnee, verstehe ich das natürlich. Wir werden schließlich alle nicht jünger …«
Sie spürte, wie Maria sich kurz versteifte, sah dann aber, wie sie ihrem Spiegelbild im Fensterglas die Zunge herausstreckte.
Maria wand sich sanft aus der Umarmung und drehte sich zu Thea um. »Du weißt genau, dass ich viel lieber gemütlich Zeit hier drinnen mit dir verbringen würde. Und das hat nichts mit meinem – oder deinem – Alter zu tun. Du bist schließlich auch nicht mehr die Jüngste. Aber dir zuliebe setze ich mich gerne der Gefahr eines Hüftbruchs aus.«
»Ich bin ziemlich sicher, dass wir das verhindern können – also, den Hüftbruch.« Thea küsste ihre Liebste auf die Wange. »Auch wenn ich mich natürlich im Fall der Fälle umso mehr um dich kümmern würde.«
»Umso mehr?« Maria stemmte gespielt empört die Hände in ihre Seiten. »Willst du damit etwa sagen, ich würde mit einem Hüftbruch deutlich mehr Zuneigung von dir bekommen als jetzt?«
Thea zuckte die Schultern und zwinkerte Maria zu. »Willst du es ausprobieren?«
Maria schnaubte. Dann schob sie Thea sanft Richtung Garderobe. »Lass uns lieber nach draußen gehen, bevor du auf mehr sonderbare Ideen kommst.«
***
Wenig später standen sie warm angezogen in Theas Vorgarten. Maria ergriff Theas Hand und wollte weiter zur Straße gehen, doch ihre Liebste hielt sie auf.
»Warte. Lass mich erst einen Moment die Schneeflocken genießen.«
»Die Schneeflocken genießen?« Maria sah sie fragend an.
Thea lächelte und hob ihr Gesicht zum dunklen Himmel und den kleinen weißen tanzenden Eiskristallen. Schon als Kind hatte sie das Gefühl gemocht, wenn Schneeflocken auf ihren Wangen und ihrer Stirn landeten – und auf ihrer Zunge. Sie öffnete leicht den Mund und ließ die kalten Tröpfchen über ihre Lippen rinnen.
Erst als die Schneeflocken an ihren Wimpern so dicht wurden, dass sie sie wegblinzeln musste, um noch genug zu sehen, löste sie ihren Blick vom Abendhimmel und schaute stattdessen Maria an.
Die betrachtete sie mit einem leichten Kopfschütteln und strich ihr dann einige weitere Schneeflocken aus dem Gesicht. »Können wir jetzt losgehen?«
»Sehr gerne.« Thea lächelte und hakte sich bei Maria unter.
***
Auch während des Spaziergangs konnte sich Thea nicht am Zauber des Schneegestöbers sattsehen. Immer wieder blieb sie stehen, um den Tanz der Flocken zu beobachten, die mal dichter, mal vereinzelter vom dunklen Himmel fielen.
Maria dagegen hatte mehr die wachsende Schneedecke im Blick: die zugeschneiten Vorgärten, an denen sie vorbeiliefen, und die Büsche am Wegesrand, die eine puderzuckerweiße Schicht aus Eiskristallen zierte. Auch kam ihr alles stiller vor als sonst, als wäre die Welt in Watte gehüllt und als gäbe es keine anderen Geräusche als ihre Schritte im Schnee. Es fühlte sich friedlich an, wie eine Insel der Ruhe. Maria atmete tief durch und beobachtete die weiße Atemwolke, die sich vor ihr formte.
Thea stupste sie an. »Verstehst du jetzt, wieso ich nach draußen wollte?«
Maria nickte und lächelte ihre Liebste an. »Schnee hat etwas Magisches, erst recht wenn die Flocken gerade vom Himmel fallen.«
»Genau das wollte ich dir zeigen.« Thea drückte Maria einen Kuss auf die kalte Wange. »Und jetzt sollten wir dich vermutlich langsam wieder ins Warme bringen, bevor du ein Eiszapfen wirst.«
Maria lachte. »Dich aber auch! Ich denke, ich sehe zwei große Becher heiße Schokolade und eine kuschelige Decke auf dem Sofa in unserer nahen Zukunft.«
»Damit kann ich mich gut anfreunden.« Thea fing noch ein paar letzte Schneeflocken mit ihrer Zunge, dann traten sie den Heimweg an.

Diese Geschichte ist ein Spin-off zu meinem Roman »Das Lied des Herbstmondes« und gibt einen kleinen Einblick in die Beziehung von Thea (Carolins Großmutter) und Maria.
Außerdem ist dieser Text Teil des Autoren-Adventskalenders. Dort versteckt sich hinter jedem Türchen ein Beitrag von einem*r anderen Autor*in rund um die Themen Winter, Advent und Weihnachten. Zusätzlich zu dem Kalender von diesem Jahr könnt ihr auch in den Geschichten, Gedichten und sonstigen Texten der Vorjahre stöbern.